”Ich versuche schon, durch Karate ein besserer Mensch zu werden”, sagt die zierliche Natalie. Sie ist eine von 80 Kampfsportbegeisterten, die in der
Wentzinger-Sporthalle auf gelbe und blaue Lederpolster eintreten, die ihnen ihr Trainingspartner hinhalten. Aus den USA ist der Großmeister Joko Ninomiya angereist, um sie ein Wochenende lang in seiner Kunst zu
unterrichten. Für die Teilnehmer ist Enshin Karate aber mehr als nur ein Sport, es ist eine Lebenseinstellung.
Joko Ninomiya, der den Kampfstil aus Judo und Karate entwickelte, steht bei dem Kampfsporttreffen in der Wentzinger-Halle im Mittelpunkt. Seine Bewegungen verfolgt
ein Schüler mit Videokamera, und jeder Teilnehmer bedankt sich am Ende persönlich bei ihm für die Lektionen. alle stellen sich in einer Reihe auf. einer nach dem anderen tritt
vor, verbeugt sich leicht vor dem Meister, schüttelt die Fäuste und ruft “Uhs”. Das ist eine Ehrenbekundung und heißt soviel wie “Jawohl”.
Kein Hau-drauf-Sport sondern auch Meditation
“Der Respekt vor dem Lehrer ist sehr wichtig” erklärt der Freiburger Jan Reichert. “Wenn das jemand nicht versteht ist er bei uns an der falschen
Adresse.” Enshin sei aber kein Hau-drauf-Sport. Vielmehr gehe es darum, die Attacken des Angreifers gegen ihn selber zu richten. 1974 wanderte
der Japaner Joko Ninomiya in die USA aus, dort vom Boom der KarateFilme zu profitieren und eine eigene Schule zu gründen. Mittlerweile gibt
es 19 Enshin-Zentren weltweit, eines davon in Freiburg. Dass der Sport in einem sehr umfassenden Sinne verstanden wird, zeigt auch der Name
der Freiburger Dependance: “Verein zur Kultivierung des Geistes und fernöstlicher Kampfkünste”. Der Trainer Chandana Muthunayake bringt
seinen Schülern also nicht nur bei, wie man den Gegner am effektivsten tritt, sondern er bietet auch buddhistische Meditationsübungen an. “Wir
haben ein richtig enges Familiengefühl in unserer Gruppe und unternehmen auch außerhalb des Trainings vieles zusammen”, sagt Muthunayake. Er
kommt aus Sri Lanka und trainiert seit 30 Jahren Karate. 1992 machte er ein Auslandssemester in Freiburg und begann, Kurse anzubieten. Die
waren so erfolgreich, dass er bald sein eigenes Enshin-Zentrum eröffnete. Mittlerweile hat dieses 200 Mitglieder. Jürgen Schumacher ist jedenfalls
begeistert. Er habe vorher schon Schotokan und Kickboxen ausprobiert, aber Enshin überzeugte ihn dann. Seine erlernten Techniken konnte er
sogar schon einmal auf der Straße anwenden, allerdings nur zur Selbstverteidigung. Das sei die oberste Regel. Er sieht aber auch den Einfluss von
Enshin in anderen Lebensbereichen: “Ich bin an meine Promotionsprüfung herangegangen wie an einen Kampf. Dort wurde ich von drei
Professoren befragt, und wir lernen im Training ja uch, uns gegen mehrere Angreifer durchzusetzen. Das hat mir geholfen, aktiv zu sein und nicht nur zu reagieren.”
Den neunjährigen Constantin fastziniert an Enshin aber nicht die spirituellen Aspekte. Er hat einen sehr handfesten Grund: “ In der Schule haben
mich immer welche geärgert. Seit ich Karate mache, haben die mehr Respekt.” Vom Großmeister zeigt er sich schwer beeindruckt: “Der ist noch
viel schneller als unser Trainer.” Sein Freund Nikolas möchte sich noch Ninomiyas Lehrbuch kaufen und dafür sogar sein Taschengeld opfern. Der
Großmeister versteht nicht nur etwas von fernöstlicher Kampfkunst, sondern auch von amerikanischem Marketing. Im Foyer der Halle gibt es
seine Biographie für 50 und sein Lehrbuch für 60 Mark zu kaufen. Am Ende des Unterrichts fasst Chandana Muthunayake den Tag zusammen: “Ich bin heute ein bisschen größer geworden.”